Eine überraschend stabile Form organischer Materie

Alva hatte nicht erwartet, ausgerechnet in diesem Sektor etwas Brauchbares zu finden. Der Planet war für die Verhältnisse des bekannten Raumzeitkontinuums geradezu verdächtig angenehm. Es gab Wasser, Wälder, ausgedehnte Felder und eine Atmosphäre, deren Benutzung weder genehmigt noch durch eine Formularassel bestätigt werden musste. Selbst die örtlichen Drangonen hatten bislang offenbar keinen Anlass gefunden, den Sauerstoffgehalt einer Gegenvermessung zu unterziehen.

Zwischen den Feldern wuchs eine Getreideart, die nach den Aufzeichnungen bereits mehrere tausend planetare Umläufe kultiviert worden war, bevor irgendjemand auf die Idee gekommen war, eine Zentrale Steuerungseinheit zu erfinden. Sie hieß Emmer.

Alva betrachtete die Ähren. „Wie lange gibt es das schon?“

GRAM überprüfte seine historischen Daten. „Sehr lange.“

„Genauer?“

„Länger als die meisten Institutionen, die heute seine Verwendung regulieren könnten.“

Das genügte Alva zunächst.

Die Bewohner des Sektors hatten im Laufe zahlreicher Kalenderfalten herausgefunden, dass sich die Körner mahlen, mit Wasser und einer mikrobiologisch bemerkenswert aktiven Masse vermischen und anschließend einer kontrollierten thermischen Belastung aussetzen ließen. Das Ergebnis war eine erstaunlich stabile Form organischer Materie, die transportiert, aufgeschnitten und schließlich vollständig beseitigt werden konnte, indem man sie aß.

GRAM fand das Verfahren bemerkenswert.

„Es funktioniert seit Jahrtausenden“, sagte Alva.

„Das meinte ich.“

„Was ist daran bemerkenswert?“

„Es wurde offenbar über einen sehr langen Zeitraum angewendet, ohne dass eine Zentrale Steuerungseinheit erforderlich war.“

Alva sah wieder über die Felder.

„Vielleicht wusste man damals einfach noch nicht, dass man eine braucht.“

GRAM schwieg einige Sekunden.

„Das würde einiges erklären.“

In den örtlichen Aufzeichnungen fand sich schließlich ein besonders schlichtes Verfahren. Emmer, ein weiteres Getreide, Meersalz, Wasser und Sauerteig. Keine Creditberechnung. Keine selektive Raumzeitkrümmung. Kein Passierschein D-46. Nicht einmal eine Formularassel zur Bestätigung der erfolgreichen Materialisierung war vorgesehen.

Die Drangonen äußerten dagegen vorsorglich Bedenken.

Sie konnten insbesondere nicht ausschließen, dass ein Verfahren, dessen erfolgreiche Anwendung bereits über einen außergewöhnlich langen Zeitraum dokumentiert worden war, möglicherweise gerade deshalb einer erneuten Prüfung bedürfe, weil die ursprünglichen Anwender die heute geltenden Prüfverfahren bei ihrer damaligen Anwendung nachweislich nicht berücksichtigt hatten.

GRAM ergänzte den Datensatz um drei Wörter:

„Essbar. Wiederholbar. Überraschend sinnvoll.“

Alva beschloss, die Sache nicht weiter zu komplizieren.


Der vollständige Materialisierungsplan wurde im kulinarischen Archiv der Zentralstation hinterlegt.

→ Materialisierungsplan Emmerbrot öffnen

Der Datensatz bricht unmittelbar nach der quantitativen Erfassung der Ausgangsmaterie ab. Angaben über die nachfolgenden mikrobiologischen, thermischen und zeitlichen Verwerfungen sind offenbar während einer früheren Kalenderfalte verloren gegangen oder wurden von einer bislang nicht zuständigen Instanz ordnungsgemäß nicht übermittelt. Eine vollständige Materialisierung des dokumentierten Endzustandes kann daher gegenwärtig weder empfohlen noch mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden. Die Drangonen prüfen, ob für das Fehlen der fehlenden Angaben nachträglich eine Formularassel erforderlich ist.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Als das Resonanzfeld noch verboten war– dieser Zeitpunkt wird vom zuständigen Raum-Zeit-Kontinuum derzeit nicht unterstützt.