Wir tauchen ab – Protokoll einer freiwilligen Entmaterialisierung
Es gibt im Leben jeder raumfahrenden Zivilisation einen Augenblick, in dem man erkennen muss, dass der Weltraum überschätzt wird.
Man kann stundenlang vor einem Beobachtungsschirm sitzen und darauf warten, dass sich irgendwo im Raum-Zeit-Kontinuum ein verwertbares Quantenereignis materialisiert.
Man kann die Delta-Frequenz beobachten, die Quantenfrequenz verfolgen und die Signalverweildauer vermessen.
Dabei kann man feststellen, dass ein Signal zuverlässig lange genug existiert, um gesehen zu werden, aber nicht unbedingt lange genug, um es zu erreichen.
Man kann sogar mehrere Stunden seines biologischen Restlebens damit verbringen.
Oder man kann tauchen gehen.
Die Entdeckung des vertikalen Fluchtweges
Die Idee ist keineswegs neu.
Schon terrestrische Zivilisationen entdeckten früh, dass eine Grenze nicht zwingend dort endet, wo die Landkarte aufhört.
Wo oben kontrolliert, geregelt, gezählt und verwaltet wurde, blieb gelegentlich noch eine andere Richtung:
unten.
Besonders bemerkenswert war dies in einem inzwischen untergegangenen terrestrischen Verwaltungsgebiet namens DDR. Dort versuchten tatsächlich Menschen, das Land schwimmend oder tauchend über die Ostsee zu verlassen. Das war gefährlich, teilweise tödlich und historisch überhaupt nicht lustig.
Der Galaktische Sprachführer erwähnt es deshalb lediglich als Beispiel für eine universelle Erkenntnis:
Wenn ein System genügend Grenzen errichtet, beginnt irgendwann jemand darüber nachzudenken, ob man darunter hindurchkommt.
Die bathynautische Lösung
Auf der Zentralstation Einundzwanzig-D wurde diese Erkenntnis lange ignoriert.
Dort saßen die freien Signaljäger weiterhin vor ihren Instrumenten.
Sie warteten.
Ein Signal erschien.
Es verschwand.
Noch eines erschien.
Es verschwand ebenfalls.
Dann erschienen mehrere gleichzeitig.
Auch sie verschwanden.
Das Galaktische Institut für Angewandte Unwahrscheinlichkeit bezeichnete dies als statistisch hochinteressant.
Die Signaljäger bezeichneten es anders.
Die entsprechende Formulierung wurde vom Galaktischen Zentralamt wegen unzureichender poetischer Qualität nicht in den Sprachführer aufgenommen.
Schließlich stellte einer der Beobachter eine Frage, die in der Geschichte großer Organisationen regelmäßig gefährlicher ist als jede technische Störung:
„Warum sitzen wir eigentlich noch hier?“
Darauf folgte zunächst Stille.
Dann noch mehr Stille.
Anschließend erschien für 2,7 Sekunden ein Signal und verschwand wieder.
Damit war die Frage im Wesentlichen beantwortet.
Das bathynautische Rückzugsverfahren
Die Konsequenz war die Entwicklung des bathynautischen Rückzugsverfahrens.
Sein Grundprinzip ist einfach:
Wenn an der Oberfläche nichts mehr zu holen ist, muss man nicht schneller klicken. Man kann auch die Oberfläche verlassen.
Statt Signaljagd: Druckausgleich.
Statt Beobachtungsschirm: Tiefenmesser.
Statt selektiver Creditgravitation: Erdgravitation.
Statt Zentralstation: Tauchbasis.
Und das Schöne am Meer ist:
Ein Fisch behauptet nicht, er sei verfügbar, um 0,8 Sekunden später von einer anderen Lebensform übernommen worden zu sein.
Das Haifischbecken
Ganz ungefährlich ist die Flucht nach unten allerdings nicht.
Unterhalb der Oberfläche beginnt das Haifischbecken.
Dort kreisen uralte Knorpelfische, die seit mehreren hundert Millionen Jahren ohne Strategiemeeting, Sternebewertung oder Monitoring auskommen.
Sie verfügen über Zähne.
Das klingt zunächst beunruhigend.
Bei näherer Betrachtung besitzt es jedoch einen erheblichen Vorteil:
Ein Hai macht aus seinen Absichten kein Geheimnis.
Er verschickt keine Push-Mitteilung über eine neue Chance. Er verändert nicht während des Anschwimmens die Bedingungen. Er gründet keinen Unterausschuss. Und er erklärt einem hinterher nicht, der Biss sei Bestandteil einer langfristigen Optimierungsstrategie gewesen.
Damit gehört der Hai zu den transparenteren Organisationsformen dieses Universums.
Bürokratia entdeckt das Meer
Natürlich versuchte der Chronokrake von Bürokratia IX sofort, das Abtauchen organisatorisch zu erfassen.
Eine Arbeitsgruppe sollte klären, ob ein Signaljäger, der sich unterhalb der Wasseroberfläche befindet, noch als verfügbar gilt.
Die Vogonen verlangten eine vorherige Abtauchgenehmigung.
Die Formularasseln von Krixon IV entwickelten daraufhin das Formular BATH-17b:
„Vorübergehende vertikale Entfernung aus dem signalempfangsbereiten Raum.“
Die Drangonen kündigten vorsorglich an, in sechsundzwanzig Monaten mittels retrospektiver Raumzeitvermessung zu prüfen, ob das Abtauchen zum damaligen Zeitpunkt wirklich erforderlich gewesen sei.
Das alles interessierte unter Wasser niemanden.
Zwanzig Meter Vernunft
In zwanzig Metern Tiefe gibt es keine Sternebewertungen.
In dreißig Metern Tiefe gibt es keine Push-Nachrichten.
In vierzig Metern Tiefe ist die Frage, ob irgendwo gerade drei oder elf besonders attraktive Raumzeitsignale aufgetaucht sind, von erstaunlich geringer Bedeutung.
Dort gelten ältere Naturgesetze.
Luftvorrat.
Tiefe.
Zeit.
Dekompression.
Dinge also, die sich im Gegensatz zu administrativen Regeln nicht deshalb ändern, weil jemand eine neue Besprechung angesetzt hat.
Deep Thought rechnet nach
Deep Thought wurde gefragt, ob Abtauchen unter diesen Umständen wirtschaftlich sinnvoll sei.
Er berechnete mehrere Millionen Variablen und kam zu dem Ergebnis, dass ein nicht erzielter Creditstrom mathematisch schwer gegen einen Nachmittag unter Wasser aufzurechnen sei.
Daraufhin wurde er gefragt, was er persönlich tun würde.
„Tauchen.“
Das war ungewöhnlich eindeutig.
Marvin ist bereits unten
Marvin saß währenddessen bereits auf dem Grund.
Man fragte ihn, ob alles in Ordnung sei.
„Natürlich“, sagte Marvin.
„Oben wartet ihr stundenlang auf Dinge, die verschwinden, bevor ihr sie erreicht. Hier unten warte ich auf gar nichts. Es ist dunkel, kalt, der Druck steigt mit jedem Meter und jeder Atemzug bringt mich dem Ende meines Luftvorrats näher.“
Er sah in die schwarze Tiefe.
Ein Hai schwamm vorbei.
Marvin betrachtete ihn kurz.
„Der gefällt mir.“
„Warum?“
„Er will mich möglicherweise fressen und hält es nicht für nötig, vorher meine Zufriedenheit abzufragen.“
Dann sah Marvin wieder in die Tiefe.
„Endlich ein System mit ehrlichen Geschäftsbedingungen.“
Die letzte Erkenntnis der Signaljäger
Seitdem gilt unter einigen ehemaligen Signaljägern eine neue Regel:
Man muss nicht jede Verschlechterung der Bedingungen durch noch längeres Warten kompensieren.
Irgendwann ist Nichtteilnahme keine Niederlage mehr.
Sie ist Freizeit.
Wenn also wieder einmal die Zentralstation blinkt, der Chronokrake seine Tentakel sortiert, die Creditströme merkwürdige Richtungen einschlagen und irgendwo elf besonders gut versorgte Lebensformen an der Oberfläche kreisen, kann man sich natürlich darüber ärgern.
Man kann die Signalernte weiter beobachten.
Man kann die Ereignisdichte berechnen.
Man kann auf das nächste Quantenereignis warten.
Oder man überprüft die Flasche, zieht die Maske auf und verschwindet nach unten.
WIR TAUCHEN AB.
Keine Signaljagd.
Keine Quoten.
Keine Sterne.
Keine Push-Impulse.
Keine Drangonen.
Nur noch Druckausgleich.
Und Ruhe.
Die Galaxis wird vermutlich auch ohne uns weiterverwaltet.
Leider.
→ Zum Galaktischen Sprachführer
Keine Panik.

