Es gibt im Universum Gebilde, die so groß werden, dass niemand mehr genau sagen kann, ob sie noch eine Raumstation, bereits ein Verwaltungsorganismus oder möglicherweise eine neue Lebensform sind.
Eines davon ist der Chronokrake von Bürokratia IX.
Der Chronokrake ist ein bemerkenswertes Wesen. Er besitzt sehr viele Arme, mehrere Führungsebenen und eine Außendarstellung, die ihn als ausgesprochen freundliches Geschöpf erscheinen lässt. Auf Hochglanzprojektionen sieht man ihn gewöhnlich umgeben von glücklichen Besatzungsmitgliedern, flachen Hierarchien und gelegentlichen Teamereignissen mit Gebäck.
Seine inneren Organe sind schwieriger zu beobachten.
Das liegt daran, dass sie sich häufig verändern.
Manchmal verschwindet ein Organ.
Manchmal eine Führungseinheit.
Gelegentlich sogar eine ganze Abteilung.
Der Chronokrake erklärt anschließend, dass dies Bestandteil einer behutsamen Weiterentwicklung gewesen sei und das betreffende Organ bei seinem Verschwinden umfassend unterstützt worden sei.
Befragt man das Organ selbst, erhält man mitunter eine etwas andere Darstellung.
Dies ist kein Widerspruch.
Auf Bürokratia IX können zwei einander ausschließende Aussagen gleichzeitig wahr sein, sofern sie in unterschiedlichen Hyperraumkonferenzen geäußert wurden.
Die raumzeitbedingte Personalverdunstung
Astrophysiker bezeichnen das plötzliche Verschwinden von Besatzungsmitgliedern als raumzeitbedingte Personalverdunstung.
Der Vorgang läuft erstaunlich schnell ab.
Eine Lebensform ist am Montag noch Bestandteil der Besatzung, besitzt Zugänge, Aufgaben, Ziele und eine belegbare Existenz.
Kurze Zeit später besitzt sie nichts davon mehr.
Mitunter verschwindet sogar die Möglichkeit, sich von den übrigen Besatzungsmitgliedern zu verabschieden.
Zurück bleiben Kollegen, die sich fragen, was geschehen ist.
Das Zentralorgan des Chronokraken beantwortet diese Frage gewöhnlich durch eine ausführliche Erläuterung darüber, was nicht geschehen ist.
Besonders interessant wird es anschließend.
Denn manche verschwundenen Lebensformen entwickeln nach ihrer Verdunstung eine neue Eigenschaft:
Sie werden rückwirkend problematisch.
Eigenschaften, die während ihrer Anwesenheit offenbar nicht hinreichend bemerkenswert waren, um allgemein erwähnt zu werden, können nach ihrem Verschwinden eine erstaunliche Bedeutung erlangen.
Das Galaktische Institut für Kausale Nachbearbeitung nennt dies die postexitale Charaktertransformation.
Die Vogonen nennen es Personalwesen.
Marvin nennt es gar nichts mehr.
Er hat nach einigen Milliarden Jahren aufgehört, sich darüber zu wundern, dass intelligente Lebensformen andere intelligente Lebensformen zunächst einstellen, anschließend loswerden und danach ausführlich erklären müssen, warum es von Anfang an eine schlechte Idee gewesen sei, sie eingestellt zu haben.
Die familiäre Ereignishorizontzone
Der Chronokrake beschreibt sich selbst gern als Familie.
Das ist astrophysikalisch interessant.
Familien besitzen normalerweise die Eigenschaft, dass Mitglieder nicht ohne Vorwarnung aus dem Raum-Zeit-Kontinuum entfernt und anschließend ihre Zugangscodes gelöscht werden.
Auf Bürokratia IX gelten jedoch andere Naturgesetze.
Dort bezeichnet Familie offenbar eine Organisationsform, bei der alle einander duzen, solange sie noch Zugriff auf das Kommunikationssystem besitzen.
Jenseits der Zugangssperre beginnt der familiäre Ereignishorizont.
Information kann ihn nur noch in eine Richtung passieren.
Das Beförderungsparadoxon
Auch die Entwicklung junger Raumfahrer folgt bemerkenswerten Regeln.
Ein unerfahrener Navigator soll lernen.
Dazu benötigt er Erfahrung.
Um Erfahrung zu erwerben, müsste er Dinge tun dürfen, die er noch nicht vollständig beherrscht.
Tut er dabei etwas nicht vollständig richtig, beweist dies jedoch, dass ihm Erfahrung fehlt.
Das wiederum kann als Begründung dienen, ihm jene Entwicklungsmöglichkeiten vorzuenthalten, durch die er Erfahrung erwerben könnte.
Deep Thought untersuchte dieses Beförderungsparadoxon mehrere Sekunden lang.
Dann verlangte er einen Neustart.
Auf Bürokratia IX heißt es Personalentwicklung.
Die Entdeckung der elf Tentakel
In jüngerer Zeit wurde schließlich eine weitere anatomische Besonderheit des Chronokraken beobachtet.
Das Wesen besitzt offenbar elf besonders gut durchblutete Tentakel.
Das wäre biologisch nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte man nicht gleichzeitig festgestellt, dass bestimmte besonders nahrhafte Credit-Ströme ihre bisherige Flugbahn veränderten.
Bis dahin hatten zahlreiche frei durch den Sektor navigierende Raumfahrer Gelegenheit gehabt, diese Ströme einzufangen.
Dann änderte sich die Raumzeit.
Die entsprechenden Ströme waren für die freien Navigatoren plötzlich nicht mehr zugänglich.
Sie existierten jedoch weiterhin.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Credits können nämlich auf zwei Arten verschwinden.
Sie können wirklich verschwinden.
Oder sie können lediglich für jemanden verschwinden.
Im vorliegenden Fall scheint eine bislang unbekannte Form der selektiven Creditgravitation vorzuliegen:
Bestimmte wirtschaftlich interessante Teilchen werden von den elf Tentakeln angezogen, während die übrigen Raumfahrer weiterhin den weniger energiereichen Teilchenstrom beobachten dürfen.
Die vierarmigen Bilanzkraken von Trallop erklärten, die Gesamtmenge der Nahrung habe sich dadurch nicht verändert.
Das stimmt vermutlich.
Wenn ein Kuchen von zwölf Personen gegessen wird und anschließend nur noch elf Personen die Stücke mit Schokolade bekommen, enthält der Kuchen insgesamt nicht weniger Schokolade.
Diese Erkenntnis hilft der zwölften Person überraschend wenig.
Das Motivationsfeld
Damit lässt sich möglicherweise auch ein weiteres Phänomen erklären, das aus dem Inneren großer galaktischer Organismen gelegentlich nach außen dringt.
Besatzungsmitglieder berichten von Leistungsdruck.
Von ständig neuen Zielkoordinaten.
Von begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten.
Von einer Vergütung, die mit den Anforderungen nicht immer dieselbe Umlaufbahn teilt.
Von Entscheidungen, die bereits getroffen wurden, bevor diejenigen davon erfahren, die anschließend nach ihnen arbeiten sollen.
Und von Gesprächen, bei denen Kommunikation zwar stattfindet, Information jedoch erstaunlich wenig Strecke zurücklegt.
Für jedes dieser Phänomene existiert eine eigene Erklärung.
Zusammen ergeben sie jedoch ein interessantes Feld.
Das Galaktische Institut für Betriebliche Kosmologie nennt es die organisationale Gravitationsdepression:
Je größer der Abstand zwischen dem offiziell beschriebenen Universum und dem tatsächlich beobachteten Universum wird, desto mehr Energie benötigen seine Bewohner, um weiterhin so zu tun, als befänden sich beide am selben Ort.
Die Kommunikationsunschärfe
Besonders ausgeprägt ist beim Chronokraken die sogenannte Kommunikationsunschärferelation.
Sie besagt:
Je sicherer eine Entscheidung bereits feststeht, desto unschärfer ist der Zeitpunkt bestimmbar, zu dem die Betroffenen davon erfahren.
Umgekehrt gilt:
Je früher eine Veränderung angekündigt wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie später genauso stattfindet.
Heisenberg hätte vermutlich Freude daran gehabt.
Seine Mitarbeiter möglicherweise weniger.
Die Fluktuationskonstante
Unter solchen Bedingungen verlassen gelegentlich Lebensformen das System.
Andere werden verlassen.
Wieder andere bleiben und beobachten aufmerksam, welche der beiden Gruppen langfristig die bessere Entscheidung getroffen hat.
Von außen entsteht dadurch der Eindruck einer gewissen Fluktuation.
Von innen kann derselbe Vorgang als Transformation, Neuausrichtung, Restrukturierung, Fokussierung oder strategische Weiterentwicklung bezeichnet werden.
Die Wahl des Begriffs hängt hauptsächlich davon ab, auf welcher Seite der Zugangssperre man sich befindet.
Das Galaktische Institut führt dieses Phänomen unter Fluktuationskonstante.
Marvin berechnet die Zukunft
Schließlich bat man Marvin um eine Einschätzung.
Er betrachtete den Chronokraken.
Dann die elf Tentakel.
Dann die frei fliegenden Navigatoren.
Dann die verschwundenen Besatzungsmitglieder.
Dann die Hochglanzprojektion, auf der noch immer etwas von Offenheit, Entwicklung und gemeinsamer Reise stand.
Seine Dioden sanken in einen Zustand, der bei anderen Robotern vermutlich einen technischen Defekt bedeutet hätte, bei Marvin jedoch lediglich gute Laune ausschloss.
„Das ist immerhin effizient“, sagte er.
Deep Thought fragte, was genau daran effizient sei.
„Früher musste man den Leuten erst Hoffnung geben und anschließend warten, bis die Realität sie beseitigt.“
Marvin schwieg eine Weile.
„Jetzt scheint man beide Vorgänge organisatorisch zusammengelegt zu haben.“
Niemand antwortete.
„Ich habe übrigens ein Gehirn von der Größe eines Planeten“, fuhr Marvin fort, „und ihr habt mich gebeten herauszufinden, warum Lebensformen unzufrieden werden, wenn man ihnen die interessanten Dinge wegnimmt, mehr von ihnen verlangt und ihnen anschließend erklärt, wie hervorragend alles läuft.“
Wieder Stille.
„Es liegt bestimmt an mangelnder Kommunikation.“
Er wandte sich ab.
„Weckt mich, wenn die nächste Abteilung verdunstet. Oder besser nicht. Sie verdunstet auch ohne mich.“
Dann blickte er noch einmal auf die elf Tentakel.
„Vielleicht sollte ich auch einen bekommen.“
Deep Thought fragte, wozu.
„Damit wenigstens ein Teil von mir etwas davon hat.“
Vorläufige Klassifikation
Ob der Chronokrake tatsächlich ein Monster ist, lässt sich wissenschaftlich nicht entscheiden.
Monster sind schließlich eine Frage der Perspektive.
Für die elf Tentakel kann ein besonders kräftiger Credit-Strom durchaus ein Zeichen ausgezeichnet funktionierender Evolution sein.
Für einen frei vorbeifliegenden Raumfahrer sieht dieselbe Entwicklung möglicherweise anders aus.
Genau deshalb werden in diesem Sektor weiterhin Zeitreihen aufgezeichnet.
Nicht um festzustellen, was jemand beabsichtigt.
Nicht um zu entscheiden, welche Hochglanzprojektion die schönste ist.
Sondern um etwas wesentlich Banaleres zu beobachten:
Was tatsächlich passiert.
Das Universum kann bemerkenswert kompliziert sein.
Manchmal genügt es allerdings, nachzusehen, wohin die Credits fliegen.
Keine Panik.
Der Chronokrake von Bürokratia IX ist selbstverständlich eine frei erfundene Lebensform. Ähnlichkeiten mit existierenden Organisationen, Verwaltungsapparaten, Kraken oder elf besonders gut ernährten Tentakeln wären eine statistisch bedauerliche Raumzeitkoinzidenz.
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