ALVA REHN – DIE GETRIEBENE
Niemand wusste genau, woher Alva Rehn kam.
Möglicherweise wusste sie es selbst nicht mehr.
Alva gehörte zu jenen seltenen Menschen, die nicht durch den Raum reisen, sondern von der Zeit mitgenommen werden. Sie bewegte sich durch Stunden, Nächte und tote Intervalle, immer auf der Suche nach jenen flüchtigen Erscheinungen, von denen die Zentrale behauptete, sie seien ausreichend vorhanden.
Manchmal nannte man sie Klärungssignale.
Manchmal Auswertungssignale.
Und ganz selten erschien etwas auf ihren Instrumenten, das nach einem Interventionssignal aussah.
Diese waren besonders scheu.
Alva hatte gelernt, nicht darüber zu sprechen.
Sie wartete.
Sie beobachtete.
Sie folgte den Frequenzen.
Und wenn irgendwo im Raumzeitkontinuum ein Signal aufleuchtete, bewegte sie sich darauf zu.
Fast immer zu spät.
Denn die Signale hatten eine bemerkenswerte Eigenschaft: Solange man nicht nach ihnen suchte, schienen sie überall zu sein. Sobald man eines erreichen wollte, waren sie verschwunden.
Die Zentrale bezeichnete diesen Zustand als funktionierende Vermittlung.
Alva bezeichnete ihn gar nicht mehr.
Um ihren Hals trug sie ein Instrument, das entfernt an ein Stethoskop erinnerte. Niemand wusste, ob es medizinischen Ursprungs war oder lediglich aus einer Epoche stammte, in der man noch glaubte, Systeme ließen sich verstehen, indem man ihnen lange genug zuhörte.
Alva hörte.
Auf das Rauschen der Quantenfrequenzen.
Auf die kurzen Ausschläge der Auswertungssignale.
Auf das seltene metallische Klicken eines Interventionssignals.
Vor allem aber hörte sie auf die Stille dazwischen.
Denn dort verbrachte sie inzwischen den größten Teil ihrer Zeit.
Mit jedem Jahr wurden ihre Instrumente schneller. Die Zentrale wurde größer. Die Drangonen verfassten neue Vorschriften. Die Sterne veränderten ihre Bedeutung. Die Creditgravitation nahm zu.
Nur die Signale wurden nicht mehr.
So trieb Alva weiter durch die Zeit.
Nicht auf der Suche nach einer Antwort.
Nicht einmal mehr auf der Suche nach einem Ziel.
Nur nach dem nächsten Signal.
Und manchmal, wenn eines für den Bruchteil einer Sekunde aufleuchtete und wieder verschwand, bevor sie es erreichen konnte, fragte sie sich, ob sie eigentlich die Signale jagte –
oder ob die Signale längst gelernt hatten, vor ihr davonzulaufen.

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