Was die Bewohner von Umbralis über alles kippen ... . .. ..

Und was hat das alles mit den Signalen zu tun, die neuerdings verschwinden?

Diese Frage wurde zunächst nicht von Alva gestellt.

Sie wurde von der Zentralstation an eine wesentlich höhere Instanz weitergeleitet, nachdem mehrere Signalgreifer unabhängig voneinander festgestellt hatten, dass bestimmte Signale zwar nachweislich im Raumzeitgefüge entstanden, dort aber nicht mehr auffindbar waren, sobald jemand anderes offenbar schneller darauf reagiert hatte.

Die Angelegenheit wurde daraufhin dem Supercomputer KALKULON-∞ zur Prüfung übergeben.

KALKULON-∞ berechnete 17,4 Millionen mögliche Ursachen, verwarf 17,399 Millionen davon wegen unzureichender Datenlage und teilte anschließend mit, dass ein Zusammenhang mit einer bislang unbeachteten Geschmacksresonanz nicht mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden könne.

Alva war irritiert.

„Geschmacksresonanz?“

„Möglicherweise“, sagte GRAM.

„Und was soll die mit verschwundenen Signalen zu tun haben?“

GRAM öffnete einen Datensatz, der seit mehreren Kalenderfalten nicht mehr aufgerufen worden war.

„Das ist genau die Frage.“

Die Spur führte zu einem Planeten namens Umbralis.

Es gibt Planeten, deren Bewohner sich mit den gewöhnlichen Gesetzen der Nahrungsaufnahme nicht zufrieden geben. Umbralis gehört eindeutig dazu.

Die Bewohner dieses fernen Planeten hatten eine eigentümliche Gewohnheit entwickelt: Sie kippten eine geheimnisvolle Substanz über nahezu alles, was ihnen auf den Tisch kam.

Über Gemüse.

Über Getreideerzeugnisse.

Über gebackene Materie.

Über Dinge, deren ursprünglicher Aggregatzustand nach der Behandlung nicht mehr zweifelsfrei festgestellt werden konnte.

Die Zentralstation hatte zunächst angenommen, dass es sich lediglich um eine kulinarische Eigenheit eines abgelegenen Planeten handelte.

KALKULON-∞ widersprach.

Nach einer weiteren Serie von Berechnungen kam der Supercomputer zu dem vorläufigen Ergebnis, dass die Substanz möglicherweise eine bisher unbekannte Form der Resonanzverstärkung bewirkte.

Eine Resonanzverstärkung, die – sofern die äußerst unvollständigen Daten überhaupt eine solche Schlussfolgerung zuließen – theoretisch dazu beitragen könnte, bestimmte Signale geringfügig früher wahrzunehmen als andere Signalgreifer.

Alva sah GRAM an.

„Du willst mir sagen, dass diese Leute ihre Speisen mit einer unbekannten Paste übergießen und dadurch möglicherweise schneller Signale empfangen?“

„Nein“, sagte GRAM.

„Gut.“

„Ich will sagen, dass KALKULON-∞ einen Zusammenhang nicht ausschließen kann.“

Alva schloss die Augen.

Damit war die Sache natürlich wissenschaftlich eindeutig.

Die weiteren Untersuchungen auf Umbralis führten zu einer noch erstaunlicheren Entdeckung.

Die Substanz wurde nicht einfach hergestellt und anschließend beliebig verwendet. Ihre Materialisierung folgte einem genau definierten Verfahren. Mehrere Ausgangsmaterialien wurden zunächst in geringer Menge miteinander verbunden und anschließend unter erheblicher mechanischer Einwirkung zu einer stabilen, cremigen Struktur überführt.

Besonders bemerkenswert war das dafür verwendete Aggregat.

Es handelte sich um eine kleine Mischkammer aus transparentem Material, deren Konstruktion nach den Maßstäben der Zentralstation bereits als historisch und nach den Maßstäben von KALKULON als „unnötig kompliziert, aber funktionierend“ eingestuft wurde.

Das Gerät verfügte über eine weitere eigentümliche Eigenschaft: Die wesentliche Flüssigkeitskomponente durfte während des Vorgangs nicht einfach kontinuierlich zugeführt werden. Stattdessen musste sie in mehreren voneinander getrennten Raumzeitportionen in die bereits bestehende Grundstruktur eingebracht werden.

Warum dies erforderlich war, konnte nicht abschließend geklärt werden.

Warum die Bewohner von Umbralis trotzdem darauf bestanden, diese Prozedur einzuhalten, ist dagegen sehr gut dokumentiert.

Sie wollten offenbar etwas Essbares herstellen.

Alva fand diesen Ansatz erstaunlich vernünftig.

Die Substanz selbst enthielt einen Bestandteil, der auf Umbralis offenbar seit unvorstellbar langer Zeit durch einen kontrollierten Fermentationsprozess gewonnen wurde. Seine geschmackliche Wirkung wurde in den überlieferten Daten mit Begriffen beschrieben, die in keiner bekannten technischen Einheit ausgedrückt werden konnten.

GRAM bezeichnete das Phänomen schließlich als:

„Umami-Resonanz unbekannter Herkunft.“

Damit war der Vorgang für die Zentralstation vorläufig ausreichend erklärt.

Die Drangonen meldeten dennoch Bedenken an.

Sie wollten insbesondere wissen, ob das großflächige Auftragen der Substanz auf Nahrungsmittel genehmigungspflichtig sei, ob eine entsprechende Genehmigung auch rückwirkend beantragt werden müsse und ob für den Fall, dass die Genehmigung nicht erforderlich gewesen wäre, dennoch eine Bescheinigung über die Nichtnotwendigkeit einer solchen Genehmigung ausgestellt werden könne.

Alva schaltete den Kanal ab.

„Wir probieren es einfach.“

GRAM registrierte den Vorgang.

„Das ist nicht das übliche Verfahren.“

„Deshalb funktioniert es vielleicht.“


Die vollständige Materialisierungsvorschrift befindet sich inzwischen im kulinarischen Archiv der Zentralstation.

→ Die Aufzeichnung aus Umbralis öffnen

Ob zwischen der Substanz aus Umbralis und dem ungewöhnlich frühen Eintreffen bestimmter Signale tatsächlich ein kausaler Zusammenhang besteht, konnte bislang weder bestätigt noch widerlegt werden. KALKULON-∞ empfiehlt daher weitere Untersuchungen, bevorzugt unter Ausschluss sämtlicher Personen, die bereits wissen wollen, wie die Substanz schmeckt.

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