„Die große Gravitationsfalte“

Zwei Kalenderfalten nach der großen Lockerung der Fernresonanz geschah etwas, das in den ursprünglichen Konstruktionsplänen der Zentralstation Einundzwanzig-D nicht vorgesehen gewesen war. Zunächst bemerkte es kaum jemand. Die Station befand sich noch an derselben Stelle, die Signale materialisierten weiterhin, die Signalgreifer griffen, die Zentrale Steuerungseinheit steuerte, ohne dass die vollständige Kenntnis dessen, was sie steuerte und nach welchen Kriterien das Gesteuerte gesteuert wurde, zwingende Voraussetzung des Steuerungsvorgangs gewesen wäre, und selbst die Drangonen saßen noch in denselben Verwaltungsnischen und äußerten Bedenken gegen Vorgänge, deren Eintreten sie vorsorglich bereits vor ihrem Eintreten für nicht hinreichend ausgeschlossen hielten. Und dennoch hatte sich etwas Grundsätzliches verändert: Die Zentralstation bewegte sich nicht mehr ausschließlich in ihrem eigenen Gravitationsfeld. In einiger Entfernung war ein erheblich größerer interstellarer Versorgungsverbund aufgetaucht. „Aufgetaucht“ war allerdings nur die vereinfachte Darstellung. Große Versorgungsverbünde tauchen nicht auf. Sie sind zunächst weit entfernt, anschließend von möglicher strategischer Relevanz, danach Gegenstand unverbindlicher Gespräche, deren Verbindlichkeit ausdrücklich nicht ausgeschlossen werden soll, und schließlich so nahe, dass rückblickend niemand mehr genau bestimmen kann, wann aus gegenseitiger Annäherung eine gemeinsame Umlaufbahn geworden ist. Der Verbund verfügte über Warenströme, Verteilstationen, Creditreservoirs und jene besondere Form wirtschaftlicher Gravitation, die entsteht, wenn ein System eine Größe erreicht hat, bei der es kleinere Systeme nicht mehr besuchen muss. Es verändert einfach deren Umlaufbahn. Die Zentralstation Einundzwanzig-D war für das Versorgungsgefüge von besonderem Interesse. Sie besaß etwas, das sich nicht ohne Weiteres durch Credits herstellen ließ: ein bereits funktionierendes Resonanzfeld, eine beträchtliche Zahl angeschlossener Signalgreifer, eine etablierte Zentrale Steuerungseinheit und vor allem einen Zugang zu einer ständig wachsenden Menge materialisierender Signale. Die Bilanzkraken begannen zu rechnen. Credifax von Rendoria rechnete ebenfalls, allerdings mit deutlich besserer Laune. Prof. Statistax verlangte Vergleichswerte, wobei er darauf hinwies, dass Vergleiche nur dann zulässig seien, wenn zuvor ausgeschlossen werden könne, dass die zu vergleichenden Größen aufgrund ihrer Vergleichbarkeit möglicherweise gerade nicht miteinander verglichen werden dürften. Formularius Multiplex beantragte vorsorglich eine Erklärung darüber, ob die bevorstehende Veränderung der Gravitationsverhältnisse als Annäherung, Einbindung, Umlaufbahnkorrektur oder lediglich als nicht auszuschließende Möglichkeit einer zukünftig engeren orbitalen Kooperation zu klassifizieren sei. Dr. Paragrafon von Lexaris wies darauf hin, dass diese Begriffe keineswegs synonym verwendet werden dürften, solange ihre mögliche Nichtverschiedenheit nicht durch die hierfür zuständige Stelle festgestellt worden sei. Die zuständige Stelle erklärte sich für möglicherweise nicht abschließend unzuständig, was nach Auffassung einer nachgeordneten Prüfinstanz keineswegs als Feststellung einer Zuständigkeit missverstanden werden durfte. Die Gravitationsfalte fand trotzdem statt. Alva betrachtete später die historischen Bahndaten. „Die Zentralstation wurde also übernommen?“ GRAM reagierte sofort. „Dieser Begriff findet sich in den damaligen Verlautbarungen nicht.“ „Was findet sich dort?“ „Strategische Einbindung in ein übergeordnetes Versorgungsgefüge unter Fortführung der bisherigen Eigenbewegung innerhalb einer neu definierten gemeinsamen Umlaufbahn.“ Alva wartete. „Also übernommen.“ „Das wäre eine unzulässige Verkürzung.“ „Aber richtig?“ GRAM schwieg. KALKULON übernahm die Antwort. „Gravitation kennt keinen Eigentumsbegriff.“ Für die Bewohner der Zentralstation änderte sich zunächst erstaunlich wenig. Die Signale materialisierten weiterhin. Die Signalgreifer griffen weiterhin. Die Zentrale Steuerungseinheit verteilte weiterhin Sichtbarkeit nach Kriterien, deren vollständige Kenntnis auch zuvor nicht zu den zwingenden Voraussetzungen ihrer Anwendung gehört hatte. Selbst die Drangonen blieben. Verwaltungsorganismen gehören zu den wenigen bekannten Lebensformen, deren Population durch die Integration in ein größeres System nicht bedroht, sondern häufig vergrößert wird. Für jedes bereits vorhandene Bedenken entstand nun die Möglichkeit eines übergeordneten Bedenkens, für jedes übergeordnete Bedenken die Notwendigkeit einer Koordinierung und für jede Koordinierung wiederum die Frage, welche Instanz für die Koordinierung der Koordinierenden zuständig sein sollte. Neu war deshalb weniger das, was an der Zentralstation geschah, als der Zusammenhang, in dem es geschah. Die Zentralstation war nicht länger nur eine Station. Sie war Bestandteil eines größeren Versorgungsgefüges geworden. Und größere Systeme besitzen größere Fragen. Bis dahin hatte die entscheidende Frage gelautet: Kann Fernresonanz funktionieren? Nun lautete sie: Was lässt sich mit einem funktionierenden Resonanzfeld noch verbinden? Warenströme konnten mit Signalströmen gekoppelt werden. Signale konnten Wege durch das Versorgungsgefüge eröffnen. Aus Resonanzereignissen ließen sich Prozessketten bilden, aus Prozessketten Kennzahlen, aus Kennzahlen Zielgrößen und aus Zielgrößen wiederum Abweichungen, deren bemerkenswerteste Eigenschaft darin bestand, dass ihre Existenz zuverlässig den Bedarf an weiteren Kennzahlen erzeugte. KALKULON erschien erstmals in den später freigegebenen Bestandsaufzeichnungen dieser Epoche. Seine Aufgabe bestand nicht darin, einzelne Signale zu betrachten. Dafür gab es GARV. KALKULON betrachtete Mengen, Zuflüsse, Abflüsse, Verweildauern, Wiederholungen, Creditströme und Bestände. Vor allem betrachtete KALKULON Entwicklungen über längere Raumzeitabschnitte, was ihn bei jenen Instanzen unbeliebt machte, die einen außergewöhnlich erfolgreichen einzelnen Umlauf gern als Beweis für die Stabilität des gesamten Universums betrachteten. „Das ist der Unterschied zwischen einer Idee und einem System“, erklärte KALKULON. Alva sah auf die historischen Kurven. „Welcher?“ „Eine Idee fragt, ob etwas funktioniert. Ein System fragt, wie oft.“ Quarx von Nörgelon, der die Aufzeichnungen mit wachsendem Misstrauen betrachtete, scharrte mit dem Vorderhuf. Das weiße H auf seiner Stirn bewegte sich dabei im Takt. „Und wann wurde daraus das Haifi-Sbecken?“ „Noch nicht“, sagte GRAM. „Aber wir haben doch schon Signalgreifer.“ „Ja.“ „Und Signale.“ „Ja.“ „Und Credits.“ „Jetzt ebenfalls.“ Quarx überlegte. „Was fehlt dann noch?“ KALKULON antwortete. „Knappheit.“ Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Die große Gravitationsfalte hatte nämlich einen Effekt, den zu diesem Zeitpunkt kaum jemand bemerkte, weil er zunächst überhaupt nicht wie ein Effekt aussah. Solange ein Resonanzfeld wächst und immer neue Signale materialisieren, erscheinen Signalgreifer und Signale wie zwei Seiten derselben Entwicklung. Mehr Signale erfordern mehr Signalgreifer. Mehr Signalgreifer ermöglichen mehr Resonanzen. Mehr Resonanzen erzeugen mehr Credits. Mehr Credits rechtfertigen weiteres Wachstum. Weiteres Wachstum rechtfertigt zusätzliche Signalgreifer, deren Vorhandensein wiederum als Hinweis darauf interpretiert werden kann, dass mit weiterem Wachstum gerechnet werde, wodurch die Annahme weiteren Wachstums zunehmend durch die Maßnahmen begründet wird, die aufgrund der Annahme weiteren Wachstums getroffen worden sind. Prof. Statistax bezeichnete dies als positiven Erwartungskorridor. GRAM bezeichnete es als Kreis. Die Drangonen bestanden darauf, dass es sich zumindest nicht nachweislich um keinen Korridor handele. Es ist ein außerordentlich angenehmer Kreislauf, solange alle Größen ungefähr in dieselbe Richtung wachsen. Schwierigkeiten entstehen erst, wenn eine davon ihre Meinung ändert. KALKULON hatte hierfür bereits eine Gleichung entwickelt. Sie war einfach genug, um von den Bilanzkraken verstanden zu werden, und unangenehm genug, um zunächst nicht weiter verbreitet zu werden. Wenn die Zahl der Signalgreifer schneller wächst als die Zahl der sichtbaren Signale, verändert sich das Resonanzfeld als Ganzes nicht notwendigerweise. Für den einzelnen Signalgreifer verändert sich jedoch das Universum. „Und das wusste man damals schon?“, fragte Alva. „Man hätte es wissen können“, sagte GRAM. „Das ist nicht dasselbe.“ „In historischen Aufzeichnungen erstaunlich häufig.“ Zunächst bestand allerdings kein Anlass, einen Anlass zur Sorge als hinreichend begründet anzusehen. Die Zentralstation expandierte. Die Fernresonanz hatte ihre regulatorische Nische verlassen. Neue Umlaufbahnen entstanden. Neue Signalgreifer kamen hinzu. Neue Signalklassen wurden erschlossen. Das Resonanzfeld pulsierte, und die große Gravitationsfalte erschien rückblickend wie der logische nächste Schritt einer Entwicklung, die ohnehin nur eine Richtung zu kennen schien: nach oben. Credifax sprach von Skalierung. Prof. Statistax sprach von Wachstumskorridoren. Formularius Multiplex führte Formularassel W-20 ein, mit der bestätigt werden konnte, dass ein Wachstum stattgefunden hatte, sofern dessen Nichtstattfinden nicht anderweitig dokumentiert worden war. Eine ergänzende Formularassel W-20a wurde erforderlich, um zu erklären, dass das Fehlen eines nachweisbaren Wachstums nicht zwingend als Nachweis eines fehlenden Wachstums anzusehen sei. Die Drangonen äußerten erhebliche Bedenken hinsichtlich eines möglicherweise zu schnellen Wachstums und gleichzeitig nicht unerhebliche Bedenken hinsichtlich der nicht auszuschließenden Folgen eines möglicherweise zu langsamen Wachstums. Eine dritte Gruppe äußerte Bedenken dagegen, zwischen beiden Formen der Bedenken vorschnell einen Widerspruch zu konstruieren. Nach längerer Beratung wurde deshalb beschlossen, ein angemessenes Wachstum anzustreben, sofern nicht aufgrund zukünftiger Entwicklungen davon auszugehen sei, dass ein anderes Wachstum angemessener sein könnte. Was angemessen bedeutete, sollte eine spätere Arbeitsgruppe klären. Alva betrachtete das alte Diagramm noch einmal. Ganz links stand die ursprüngliche Vorstellung: Entfernung sollte bedeutungslos werden. Danach kam die regulatorische Kalenderfalte. Und nun die große Gravitationsfalte. Hinter ihr verzweigte sich das Diagramm plötzlich in Dutzende Linien: Resonanz, Verteilung, Steuerung, Signalklassen, Credits, Bestände, Warenströme und Wachstum. „Da wurde es kompliziert“, sagte sie. GRAM widersprach. „Nein. Da wurde es messbar.“ „Ist das besser?“ „Für wen?“ Quarx hob den Kopf. „Und die Chronokrake?“ Wieder entstand jene kleine Pause, die bei GRAM gewöhnlich bedeutete, dass historische Daten vorhanden waren, ihre Interpretation jedoch geeignet erschien, weitere Schwierigkeiten zu erzeugen. „Sie kommt.“ „Wann?“ „Sobald aus Wachstum Steuerung wird.“ KALKULON ließ im Hintergrund eine neue Kurve erscheinen. Sie stieg zunächst steil an. „Und was kommt danach?“, fragte Alva. Die Kurve erreichte einen Scheitelpunkt. Dahinter verlief sie zunächst fast waagerecht. Dann neigte sie sich um einen kaum wahrnehmbaren Betrag nach unten. KALKULON vergrößerte die Darstellung. Quarx trat näher. „Ist das schlimm?“ „Noch nicht.“ „Und später?“ „Das hängt davon ab, ob eine sinkende Kurve als sinkende Kurve anerkannt wird.“ „Und wenn nicht?“ KALKULON ließ eine zweite Linie erscheinen. Sie trug die Bezeichnung PROGNOSE. Diese stieg weiter. GRAM betrachtete beide Linien. „Ah“, sagte er. „Jetzt wird es interessant.“ Alva sah von der einen zur anderen. „Welche ist richtig?“ „Beide“, antwortete KALKULON. „Die eine beschreibt, was geschieht. Die andere beschreibt, was geschehen sollte.“ „Und wenn die beiden immer weiter auseinanderlaufen?“ KALKULON schwieg. Im Hintergrund begann irgendwo eine Formularassel zu rascheln. Weitere Klärung war zu diesem Zeitpunkt nicht vorgesehen.

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Als das Resonanzfeld noch verboten war– dieser Zeitpunkt wird vom zuständigen Raum-Zeit-Kontinuum derzeit nicht unterstützt.