Quarx von Nörgelon war ein Hai. Nicht biologisch natürlich. Biologisch war Quarx ein Quarter-Horse mit einem auffällig weißen H auf der Stirn, was die Angelegenheit für Außenstehende zunächst unnötig kompliziert machte. Im Haifi-Sbecken bezeichnete man jedoch alle Wesen als Haie, die vor den Sichtfenstern der Zentralstation Einundzwanzig-D saßen und darauf warteten, dass irgendwo im Resonanzfeld ein verwertbares Signal auftauchte. Und Quarx war darin außerordentlich ausdauernd.
Seit mehreren Umläufen führte er eine persönliche Zeitreihe des Niedergangs. Zunächst waren ihm an einem frühen Umlauf fast nur Nieten begegnet. Ein besonders begehrtes Signal hatte er tatsächlich kurz zwischen die Zähne bekommen, doch kaum hatte er sich darüber gefreut, war es wieder aus dem Resonanzfeld verschwunden. Quarx hatte daraufhin eine Beschwerdewelle ausgesendet. Zwei Umläufe später saß er erneut vor dem Feld und schnappte seit geraumer Zeit nach allem, was aufleuchtete. Signale waren durchaus vorhanden. Das Problem bestand lediglich darin, dass zwischen ihrem Erscheinen und ihrem Verschwinden gelegentlich weniger Zeit lag, als Quarx benötigte, um festzustellen, dass sie überhaupt existiert hatten. Also sendete er eine zweite Beschwerdewelle.
Wieder einige Umläufe später wollte Quarx wissen, ob bestimmte Quantenfrequenzen überhaupt noch existierten oder ob die Creditgravitation zu Beginn der Umlaufwoche inzwischen grundsätzlich heruntergefahren werde. Darauf meldete sich ein anderer Hai und bemerkte, dass die geringe Zahl der Signale tatsächlich merkwürdig sei. Für Quarx war das von erheblicher Bedeutung. Es bedeutete, dass zumindest noch jemand anderes das Nichts sehen konnte.
Dann kam jener Umlauf, an dem Quarx für einen kurzen Moment glaubte, das Resonanzfeld habe sich mit ihm versöhnt. Frühzeitig erschien ein besonders interessantes Signal. Es wurde ihm zugeordnet und blieb stabil auf seiner Anzeige. Quarx begann vorsichtig wieder an Gerechtigkeit zu glauben. Kurz vor dem vorgesehenen Startimpuls verschwand es.
Quarx starrte auf die leeren Koordinaten. „Das kann doch nicht wahr sein.“
GRAM sah von seinen Berechnungen auf. „Diese Aussage verwendest du inzwischen so regelmäßig, dass eine Automatisierung Ressourcen sparen könnte.“
„Das Signal war da.“
„Korrekt.“
„Und jetzt ist es weg.“
„Ebenfalls korrekt.“
„Also muss doch irgendjemand etwas tun.“
GRAM ließ einige historische Daten durch seine Prozessoren laufen. „Für diesen letzten Schluss liegen erheblich weniger empirische Belege vor.“
Diesmal fiel Quarx’ Beschwerdewelle kräftiger aus, und bald versammelten sich einige der übrigen Haie. Graukeil-77, der schon so lange im Haifi-Sbecken jagte, dass niemand mehr wusste, ob die 77 eine Nummer oder sein Alter bezeichnete, hielt von Quarx’ Methode wenig. „Nörgeln bringt schon lange nichts mehr. Der Krake macht, was er will.“
„Woher weißt du, dass es nichts bringt?“, fragte Quarx.
„Weil sich nichts ändert.“
„Das beweist gar nichts.“
„Was würde es denn beweisen?“
Quarx überlegte. „Wenn sich etwas änderte.“
Damit hatte die Diskussion einen logischen Zustand erreicht, der beim Galaktischen Zentralamt gewöhnlich zur Einsetzung einer Arbeitsgruppe führte.
Makrofin, ein Hammerhai mit ausgeprägtem Hang zum Realismus, schob sich näher an den Tisch. Früher, erklärte er, habe man wenigstens gelegentlich den Eindruck gehabt, eine Beschwerdewelle treffe irgendwo auf Materie. Heute sei er nicht einmal mehr sicher, ob die Materie nicht inzwischen abgeschafft worden sei. Tiefenbrand hatte seinerseits sämtliche bekannten Sendebänder ausprobiert und keinerlei Wirkung festgestellt. Ein jüngerer Hai hielt dagegen, vielleicht müsse man einfach häufiger senden. Ein anderer meinte, genau das hätten sie jahrelang getan. Schließlich einigte man sich darauf, dass Nörgeln wahrscheinlich nichts brachte, Schweigen aber ebenfalls keine überzeugende Erfolgsbilanz vorweisen konnte.
Alva hatte die Diskussion eine Weile verfolgt. „Das heißt, niemand glaubt mehr daran, dass Beschwerden etwas ändern, aber alle diskutieren darüber, ob man sich trotzdem beschweren sollte?“
„Im Wesentlichen“, sagte GRAM.
„Und dafür braucht ihr so viele Leute?“
„Nein. Das ist einer der Gründe, weshalb es so viele sind.“
In diesem Moment erschien Formularius Multiplex. Niemand hatte ihn gerufen, was für Formularius noch nie ein erkennbares Hindernis dargestellt hatte. Unter drei Armen trug er Formulare, im vierten einen Stempel und mit dem fünften suchte er bereits nach einer freien Schreibfläche. Als er das Wort Beschwerde hörte, hellte sich seine Miene auf. Für Beschwerden über verschwundene Signale, erklärte er, benötige er zunächst den Nachweis, dass das betreffende Signal vorher vorhanden gewesen sei.
„Es ist verschwunden“, sagte Quarx.
Formularius betrachtete die leere Anzeige. „Das sehe ich.“
„Dann ist doch alles klar.“
„Keineswegs. Gegenwärtig lässt sich lediglich feststellen, dass dort jetzt kein Signal ist. Daraus folgt nicht zwingend, dass dort vorher eines gewesen sein muss.“
„Dafür gibt es doch die Zeitreihe.“
Formularius erstarrte. Zeitreihen waren in Verwaltungsorganismen ungefähr so beliebt wie offene Fragen. Sie besaßen die unangenehme Eigenschaft, sich an frühere Zustände zu erinnern.
Dr. Paragrafon von Lexaris, der zufällig vorbeikam und deshalb sofort zuständig war, beugte sich über die Unterlagen. Für eine ordnungsgemäße Prüfung müsse außerdem der genaue Zeitpunkt des administrativen Ereigniseintritts dokumentiert werden. Als Quarx erklärte, er könne naturgemäß nicht genau wissen, wann etwas verschwunden sei, das er gerade nicht gesehen habe, nickte Paragrafon zufrieden. Dann sei zweifellos eine retrospektive Raumzeitvermessung erforderlich.
Aus einem entfernten Korridor war augenblicklich ein freudiges Rascheln zu hören. Die Drangonen hatten das Wort „retrospektiv“ gehört.
GARV wurde mit der Auswertung beauftragt. Die Ergebnisse waren wenig tröstlich. Mehrere Perioden schwacher Signalernte, lange Phasen frustraner Greifversuche, plötzlich verschwindende Signale und erhebliche Schwankungen der Creditgravitation ließen sich tatsächlich nachweisen. Weshalb sie auftraten, konnte GARV nicht feststellen. Das unterschied ihn wesentlich von Prof. Statistax, der inzwischen ebenfalls eingetroffen war und bereits eine Erklärung besaß.
„Normale Fluktuation“, sagte Statistax.
GARV richtete eine Messsonde auf ihn. „Datengrundlage?“
„Gesamtschau.“
„Welche Daten?“
„Langfristige.“
„Welche langfristigen Daten?“
Prof. Statistax sah auf die Uhr. „Ich fürchte, für eine derart komplexe Frage reicht das gegenwärtige Zeitfenster nicht.“ Dann entfernte er sich mit jener Geschwindigkeit, die Wissenschaftler gelegentlich entwickeln, wenn ihre Datengrundlage nach ihnen fragt.
Über dem Haifi-Sbecken schwebte währenddessen der Chronokrake von Bürokratia IX. Einer seiner Tentakel bewegte ein Signal nach links, ein zweiter ließ ein anderes verschwinden und ein dritter zeigte auf eine Informationstafel, auf der versichert wurde, dass sich grundsätzlich alle Signalgreifer im selben Resonanzfeld befänden. Ob zwischen den Tentakelbewegungen und den Veränderungen im Feld irgendein Zusammenhang bestand, war unbekannt und durfte nach Auffassung von Dr. Paragrafon keinesfalls vorschnell vermutet werden.
Graukeil-77 betrachtete die Tafel, dann den Kraken und schließlich Quarx. „Nörgeln bringt wahrscheinlich wirklich nichts.“
„Wahrscheinlich“, sagte Quarx.
„Der Krake macht trotzdem, was er will.“
„Möglicherweise.“
„Und deine Beschwerdewellen ändern daran nichts.“
„Kann sein.“
„Warum sendest du sie dann immer weiter?“
Quarx blickte hinaus auf das Resonanzfeld. In diesem Augenblick erschien ein winziger Lichtpunkt, und sämtliche Haie schnellten gleichzeitig nach vorne. Der Lichtpunkt verschwand. Langsam setzten sie sich wieder.
„Weil Schweigen bisher auch keine überzeugenden Ergebnisse geliefert hat“, sagte Quarx.
GRAM summte leise. „Methodisch nicht völlig unvertretbar.“
Quarx richtete sofort die Ohren auf. „War das Zustimmung?“
„Nein.“
„Klang aber so.“
„Dann lag eine akustische Fehlinterpretation vor.“
Quarx öffnete bereits den nächsten Sendekanal. Alva sah ihm dabei zu und fragte, ob es für diese merkwürdige Form der Beharrlichkeit nicht irgendein galaktisches Sprichwort gebe. Quarx nickte, setzte den Huf auf die Sendetaste und sagte: „Steter Impuls krümmt das Resonanzfeld.“
GRAM beobachtete, wie sich die neue Beschwerdewelle als winzige Zacke in der nahezu endlosen Zeitreihe verlor. „Theoretisch möglich. Bei gleichbleibender Intensität rechne ich mit einer messbaren Krümmung allerdings erst nach mehreren geologischen Epochen.“
Quarx lehnte sich zufrieden zurück. „Dann sollte man besser früh anfangen.“
Über ihnen bewegte der Chronokrake einen Tentakel. Ob aus eigenem Willen, aufgrund von Quarx’ Beschwerdewelle oder lediglich, weil ihn irgendwo etwas juckte, ließ sich nicht feststellen. GARV vermerkte deshalb in der Zeitreihe lediglich: „Korrelation ungeklärt.“ Formularius Multiplex setzte einen Stempel darunter und ergänzte: „Vorgang bleibt offen.“
Quarx von Nörgelon war damit zum ersten Mal seit mehreren Umläufen einigermaßen zufrieden.

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