Samstag, 22. August 2026

Wenn man falsch abbiegt oder ins falsche Schiff steigt

 Manchmal besteht das eigentliche Problem einer Reise nicht darin, dass der Hyperraumantrieb versagt, sondern darin, dass man irgendwann bemerkt, versehentlich in ein Raumschiff eingestiegen zu sein, dessen Besatzung andere Vorstellungen von Navigation besitzt als man selbst. Im betreffenden Sektor häufen sich jedenfalls Berichte über Reisende, die zunächst eine vollkommen harmlose Route anmelden, nach dem Start jedoch erklären, eigentlich zu einem ganz anderen Planeten zu wollen – vorzugsweise zu einem, dessen Einreisebestimmungen, Naturgesetze und Bordvorschriften bereits im Voraus außer Kraft gesetzt werden sollten. Wird darauf hingewiesen, dass dies möglicherweise eine persönliche Anwesenheit, eine echte Untersuchung der Lage oder schlicht eine andere Raumstation erfordert, erscheint wenig später zuverlässig ein einzelner Stern am galaktischen Firmament. Das wäre an sich nicht weiter bemerkenswert, hätte die betreffende Lebensform nicht häufig zuvor bereits sieben oder acht fast identische Passierscheine innerhalb von vierzehn Erdrotationen eingesammelt. Woher die Nummern drei bis sieben stammen, gehört zu den ungelösten Rätseln des Universums und wird derzeit gemeinsam mit dunkler Materie und der Frage untersucht, warum Socken in Waschmaschinen verschwinden. Wird eine solche Sternenmeldung anschließend wegen offensichtlicher Realitätsinkompatibilität aus dem lokalen System entfernt, beginnt mitunter Phase zwei: Das Wesen sucht sich einen völlig anderen Planeten, an dem es nachweislich niemals gewesen ist, und bewertet dort dessen Raumhafen, Besatzung und vermutlich auch die Parkplatzbeleuchtung. Früher genügte der Hinweis, dass der Reisende den betreffenden Ort nie betreten hatte. Heute benötigt man offenbar einen Beschluss des Obersten Intergalaktischen Gerichtshofs, drei beglaubigte Sternkarten und einen Anwalt, der sich auf das Entfernen frei fliegender Himmelskörper spezialisiert hat. Daraus ist inzwischen ein eigenes Geschäftsmodell entstanden: Für einen Betrag, der den Ertrag der ursprünglichen Reise um ein Mehrfaches übersteigt, versprechen professionelle Sternenentferner, missliebige Himmelskörper aus dem Orbit zu schießen. Der galaktische Ökonom erkennt darin sofort die eigentliche Wertschöpfungskette. Besonders fortgeschrittene Navigatoren haben deshalb begonnen, schon vor dem Andocken zu prüfen, ob ein eintreffendes Signal möglicherweise später als Einschlagkrater auf einer öffentlichen Sternenkarte endet. Der Vorgang wird dann gelegentlich abgebrochen, bevor überhaupt jemand die Schleuse öffnet. Das ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, denn niemand möchte für zehn Credits eine Expedition beginnen, die anschließend neunundneunzig Credits juristische Treibstoffkosten verursacht. Die Entwicklung scheint jedoch noch weiterzugehen. Immer häufiger stimmt das ausgesandte Notsignal nur sehr entfernt mit dem überein, was nach dem Öffnen des Kommunikationskanals tatsächlich verlangt wird. Besonders beliebt sind Güter, deren Ausgabe an bestimmte galaktische Sicherheitsbestimmungen gebunden ist. Man könnte das als kreative Navigation bezeichnen. Die Vogonen nennen es Formularoptimierung. Marvin nennt es das erwartbare Endstadium jeder Zivilisation, die gelernt hat, Forderungen schneller zu formulieren als Verantwortung zu übernehmen. Und dann gibt es noch jene Reisenden, die zu ausgesprochen exotischen Sternzeiten anklopfen und erwarten, dass zufällig gerade ein Spezialist für ein höchst komplexes Phänomen in der Luftschleuse sitzt und auf genau sie gewartet hat. Samstagabend, komplizierte biologische Reproduktionsfrage? Selbstverständlich. Sonntagabend, seltenes chronisches Raum-Zeit-Syndrom und bitte jemanden, der sich „richtig auskennt“? Natürlich. Warum sollte das Universum auch Öffnungszeiten, Fachgebiete oder Wahrscheinlichkeitsrechnung kennen? Deep Thought wurde hierzu konsultiert und stellte nach kurzer Berechnung fest, dass die Wahrscheinlichkeit, jederzeit exakt die gewünschte Person am gewünschten Ort vorzufinden, ungefähr der Wahrscheinlichkeit entspricht, nach einer falschen Abzweigung zufällig im richtigen Raumschiff zu landen. Zaphod hätte trotzdem eingestiegen. Ford hätte vorher auf die Beschriftung gesehen. Marvin wäre überhaupt nicht losgefahren. Und vielleicht ist genau das die Lehre aus diesem Abschnitt der Galaxis: Wer ständig fordert, dass jedes Schiff überallhin fliegt, darf sich irgendwann nicht wundern, wenn erfahrene Raumfahrer anfangen, bestimmte Passagiere schon an der Schleuse ..-. .-. . ..- -. -.. .-.. .. -.-. .... / .- -... .--. . .. ... . -.

Was aber machen die Signale aus dem Universum?

Die galaktische Empfangsstation meldet um Sternzeit 09:42:32 weiterhin ordnungsgemäßen Betrieb. Im Langzeitspeicher befinden sich derzeit 58 Quantenereignisse, von denen 57 mit messbarer Verweildauer erfasst wurden, sowie 15 Delta-Anomalien, von denen 14 vollständig vermessen werden konnten. Für den heutigen Beobachtungstag, den 23.08.2026, zeigt sich das Universum allerdings auffallend wortkarg. Bis 09:32:18 herrschte vollständige Funkstille. Dann materialisierte exakt ein einziges Quantensignal.

Lokale SternzeitQuantenfrequenzDelta-Frequenz
00:00–01:0000
01:00–02:0000
02:00–03:0000
03:00–04:0000
04:00–05:0000
05:00–06:0000
06:00–07:0000
07:00–08:0000
08:00–09:0000
09:00–10:0010

Erste Materialisierung der Quantenfrequenz: 09:32:18. Auf der Delta-Frequenz wurde bis 09:42:32 überhaupt keine Aktivität festgestellt. Deep Thought wurde um eine erste Deutung gebeten und erklärte nach kurzer Analyse, dass das Universum offensichtlich Signale besitze, jedoch keinerlei Verpflichtung verspüre, sie zu einem für den Beobachter nützlichen Zeitpunkt auszusenden. Marvin hielt selbst diese Aussage für unnötig optimistisch. Die Vogonen verlangen inzwischen ein Formular zur Genehmigung weiterer Funkstille. Es ist in dreifacher Ausfertigung einzureichen, sobald ein Signal erscheint. Sollte keines erscheinen, gilt die Frist als versäumt. Die vorläufige wissenschaftliche Schlussfolgerung lautet daher: Die Signale sind offenbar da. Sie sehen nur keinen Anlass, sich nützlich zu machen.

 

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